Geistliche Impulse
VIERZIG TAGE
Vierzig Tage. So lange dauert die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Im evangelischen Bereich haben wir traditionell von der Passionszeit gesprochen. Mittlerweile ist es ziemlich unüblich geworden, in den Wochen dieser Zeit extra Andachten für diese Zeit anzubieten. Oft wurde die Leidensgeschichte der Evangelien in einzelnen Abschnitten betrachtet. Ein ganz wesentliches Stück gerade lutherischer Passionsfrömmigkeit sind musikalische Gestaltungen der Leidensgeschichte. Am bekanntesten sind die Matthäuspassion und die Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Letztere wird in Oldenburg am 21. März nach Jahren wieder aufgeführt. (Für unsere Kantorei ist das schon eine große Herausforderung). In der katholischen Kirche ist oft auch von der Fastenzeit die Rede. Verzicht auf etwas Besonderes, um in dieser Zeit an das zu denken, was Gott in und durch Jesus und sein Leiden zuerst für uns getan hat. Vielleicht auch, um es Menschen in Not zu spenden. Passionszeit, Fastenzeit – nachdem wir uns jahrhundertelang sehr gegeneinander abgegrenzt haben, sehen wir heute mit mehr Verständnis auf die jeweils besondere Frömmigkeit der anderen Kirche.
Vierzig Tage. So lange ging Jesus in die Wüste (beziehungsweise wurde er nach der biblischen Geschichte vom Geist dahin getrieben). Nach seiner Taufe und öffentlichen Berufung / Beauftragung (Markus 1, 9-11) setzte sich Jesus dieser lebensfeindlichen Umgebung aus (Markus 1, 12-13; Matthäus 4, 1-11; Lukas 4, 1-13), bevor er öffentlich wirkte, lehrte, heilte und einen Jüngerkreis um sich sammelte. Diese vierzig Tage kommen in einer Reihe von Geschichten in der Bibel vor. Zentral ist wohl die Vorbereitung von Mose auf den Empfang des Gesetzes und besonders der Zehn Gebote (2. Mose/Exodus 24,18; 34,28). Sie prägen bis heute diese Zeit bis in das Kirchenjahr hinein. Gerade in einer Zeit, die von enorm vielen Reizen und der Frage, ob sie wirklich in der Fülle gut für uns sind (siehe die Diskussion um die „Social Media“ nicht nur bei Jugendlichen) ist gerade diese Zeit eine Einladung, hin und wieder in die Stille zu gehen, um auf Gott zu hören. Jesus war dies vor seinem öffentlichen Auftreten wichtig und auch immer wieder (etwa Matthäus 14,23; Markus 6,31), auch wenn viele meinten, dass es doch so viel Wichtiges zu tun gibt. Haben Sie, hast Du, auch so einen Ort der Stille, um in der Beziehung zu unserem Vater und Schöpfer zu bleiben?
22.02.2026 Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg
Durch viel und durch wenig
„Es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen.“ (1Sam 14,6)
Man könnte diesen Satz leicht als Binsenweisheit abtun: Natürlich ist dem Gott der Bibel nichts an Macht unmöglich. Wozu also hat Gott uns so eine Aussage überliefern lassen?
Die Bedeutung wird da greifbar, wo es ins praktische Leben geht. Bei mir hat es lange gedauert, bis ich verstanden habe: Gott ist nicht nur „irgendwie da“, sondern er interessiert sich wirklich für mich, und für meinen Alltag. Ohne dieses persönliche Zuwenden würde ich kaum von einer Beziehung zu Gott sprechen.
Von der Existenz Gottes war ich schon als Kind überzeugt. Aber diese Überzeugung war lange eher theoretisch. Sie hatte wenig mit meinen Entscheidungen, Sorgen und kleinen Alltagskämpfen zu tun. Warum sollte der allmächtige Gott sich auch für einen einzelnen Menschen interessieren? Sind wir nicht zu gering, zu unwichtig?
In 1.Sam. 14 sehen wir Jonathan in einer sehr konkreten Lage: Er geht mit nur wenigen Männern zu einem Philisterposten. Objektiv ist das ein riskantes, scheinbar aussichtsloses Vorhaben. Doch für Jonathan ist klar: Die Unterlegenheit seiner Seite ist für den HERRN kein Hindernis. „Es ist dem HERRN nicht schwer, durch viel oder wenig zu helfen.“ Dieser Satz ist nicht als Theorie gesagt, sondern mitten in einer Situation, in der menschliche Mittel nicht reichen.
Wenn ich begreife, dass Gott sich Menschen wirklich persönlich zuwendet, bekommt Jonathans Wort Gewicht. Dann wird aus einem „allgemein richtigen Satz“ etwas Konkretes: Ich fange an, im Alltag mit Gott zu rechnen. Ich bitte ihn in großen und kleinen Dingen um Hilfe, Führung und Bewahrung – und ich danke ihm für die großen und die kleinen Hilfen. Und selbst wenn Gott anders führt, als ich es mir vorstelle, bleibt diese Wahrheit stehen: Seine Hand ist nicht begrenzt, weder durch viel noch durch wenig.
15.02.2026 Autor: Frank Schulz
GOTT KANN NICHT NICHT KOMMUNIZIEREN
Erinnerung an einen Schulaufsatz: Was heißt „Man kann nicht nicht kommunizieren?“ Was ich geschrieben habe, ich vergessen. Den Satz nicht. Er kommt von dem amerikanischen Kommunikationspsychologen Paul Watzlawick („Anleitung zum Unglücklichsein“).
Egal, was wir machen und wie wir reagieren, wir lösen einen Eindruck aus. In unserem Reden. Vor allem aber in unserer Körpersprache. Und in unserem Handeln. Auch zum Beispiel, was wir essen und kochen. Vielleicht kochen wir jemand sein Lieblingsgericht. Wenn es dann jemand kommentarlos in sich hineinschaufelt, kann das verletzend sein. Vielleicht wollen wir jemand auch zu gesunder Ernährung erziehen. Kann auch daneben gehen. Wenn der Kantinenbetreiber Geld verdienen will, gehen Currywurst und Pommes immer noch besser als der gesunde vegane Auflauf.
Auch Gott kann „nicht nicht kommunizieren“. Weil es ihm oft weh tut, wie Menschen miteinander, mit der Schöpfung und seinen Geboten umgehen. Er macht sich bemerkbar. Etwa, indem er Menschen beruft, seinen Willen weiterzusagen. Die Bibel nennt diese Menschen Propheten. Sie hören sein Reden und sie sehen Bilder. Manchmal werden sie auch aufgefordert, ein Zeichen zu setzen. Der Prophet Ezechiel erlebt bei seiner Berufung alles drei (Hes 1-3). Als sichtbares Zeichen bekommt er den Auftrag, eine Schriftrolle mit bitteren Anklagen zu essen (damals schrieb man noch keine Bücher, sondern Schriftrollen). Er will den Auftrag nicht annehmen. Er weiß. Das bringt ihm Ärger ein. Er will auch die Schriftrolle mit bitteren Worten nicht essen. Aber da muss er durch. Die Worte, die er weitergeben soll, müssen durch ihn hindurch. Und was erst bitter scheint, wird für ihn süß wie Honig, Er muss auch mit seinen Landsleuten aus der Heimat in die Fremde.
Auch dort spürt er: Gott hört nicht auf, zu seinem Volk zu reden. Er kann eben „nicht nicht kommunizieren“. Er geht mit in die Fremde. Dort spricht er durch den Propheten: „Auch wenn ihr mir viel Ärger macht, habe ich euch doch lieb. Ich habe euch ja gemacht, ihr seid ein Teil von mir. Deshalb seid ihr eingeladen, zu mir umzukehren, was das Verhältnis auch belastet, jeder, jede einzelne.“ (Hes 33).
Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg
Der HERR ist mein Hirte
Am Gemeindetag in 2026 gab es einen Workshop, der sich mit dem ersten Vers aus Psalm 23 beschäftigte.
Psalm 23,1 ist kurz und gerade deshalb kann man ihm so schwer ausweichen: „Der HERR ist mein Hirte“. Nicht: eine Idee tröstet mich, nicht: ich rette mich mit Religion, sondern: JHWH selbst bindet sich an mich wie ein Hirte an seine Schafe.
Dann kommt das Wort, an dem unser Herz hängen bleibt: לֹא אֶחְסָר – lo ʾeḥsār. Wörtlich: „ich werde nicht חסר sein“, nicht im Zustand des Mangels. Das Hebräische sagt es mit einem Verb, nicht mit einem Etikett. Es geht nicht nur um „Mangel“ als Thema, sondern um Mangel als Lebensmodus: dieses innere „Es reicht nicht. Ich bin nicht genug. Es wird mir fehlen.“ David widerspricht nicht den Erfahrungen, sondern stellt eine Wirklichkeit darüber: Unter diesem Hirten ist „Mangel“ nicht mehr mein Grundton.
Unsere deutschen Übersetzungen tasten das auf unterschiedliche Weise ab. „Mir mangelt nichts“ klingt wie eine Gegenwartsaussage: Schon jetzt lebt meine Seele nicht aus dem Defizit. „Mir wird nichts mangeln“ klingt wie ein Ausblick: Auch das Kommende wird mich nicht in die Leere stoßen. Beide Nuancen liegen im hebräischen Ausdruck: keine billige Glücksformel, sondern dauerhafte Gewissheit. Der Hirte ist nicht nur für den Moment zuständig, sondern für den Weg.
Und doch meint David nicht: „Ich habe keine Probleme.“ Der Psalm selbst nennt das „Tal des Todesschattens“ und Feinde. Also muss „kein Mangel“ tiefer gemeint sein: nicht die Abwesenheit von Bedrohung, sondern die Abwesenheit von Verlassenheit. Nicht: „Alles ist angenehm“, sondern: „Nichts Entscheidendes fehlt.“ Was der Hirte für sein Schaf als Hirte geben muss, Leitung, Schutz, Nahrung, Ruhe, Rückkehr, Mut, daran wird es nicht fehlen. Der Kern ist: Gott füllt nicht nur meinen Vorrat, er hält mein Leben.
Darum ist Psalm 23,1 auch eine Diagnose: Wer nicht unter diesem Hirten steht, lebt, selbst im Überfluss, leicht im Mangel. Denn der tiefste Mangel ist nicht zuerst Geld, Zeit, Gesundheit oder Anerkennung. Der tiefste Mangel ist Gott selbst. Wenn der HERR mein Hirte ist, wird dieser Mangel beendet. Dann kann sogar das, was äußerlich fehlt, mich nicht mehr definieren.
So wird dieser Vers zu einer Einladung: Leg dein Herz nicht in die Hand der Umstände, sondern in die Hand des Hirten. Sag nicht zuerst: „Ich brauche mehr“, sondern: „Der HERR ist mein Hirte.“ Und dann, gegen alle innere Leere, sprich im Glauben: „Ich bin nicht חסר – mir mangelt nichts.“
2. Februar 2026 Autor: Frank Schulz