Geistliche Impulse
Dankbarkeit in einfachen Hütten
Wenn wir Erntedank feiern, feiern wir ein Fest, das unter diesem Namen in der Bibel nicht vorkommt. Der Gedanke dahinter ist jedoch tief im Festkalender Israels verwurzelt.
Schon die Tora, also die 5 Bücher Mose, kennt mehrere Feste mit einem unmittelbaren Bezug zur Ernte. Schawuot, das Wochenfest, wird in 2. Mose 23,16 ausdrücklich „Fest der Ernte“ genannt. Die Erstlinge werden vor Gott gebracht. Noch näher an unserem herbstlichen Erntedank liegt aber Sukkot, das Laubhüttenfest. Es heißt ebenfalls in 2. Mose 23,16 „Fest der Einbringung“ und wird gefeiert, wenn die Ernte von Tenne und Kelter eingebracht ist (5. Mose 16,13).
Bemerkenswert ist, wie Israel danken soll.
Ausgerechnet dann, wenn die Ernte eingebracht und die Vorräte gefüllt sind, sollen die Israeliten ihre festen Häuser verlassen und für sieben Tage in einfachen Hütten (Sukka) wohnen (3. Mose 23,39–43). Die Sukka erinnert an die Wüstenzeit, als Israel nichts anbauen und keine Vorräte sichern konnte und ganz von Gottes Versorgung abhängig war.
Gott sagt gewissermaßen: Gerade wenn eure Scheunen voll sind, vergesst nicht, wer euch getragen hat.
Denn Wohlstand kann eine merkwürdige Wirkung haben. Mose warnt Israel davor, nach gutem Essen, schönen Häusern und wachsendem Besitz zu denken: Meine Kraft hat mir diesen Wohlstand verschafft. Stattdessen soll Israel sich an den HERRN erinnern, von dem alles kommt (5. Mose 8,10–18).
Bis heute bauen viele jüdische Familien zu Sukkot eine Laubhütte, essen darin, laden Gäste ein und nehmen die „vier Arten“ aus 3. Mose 23,40 – Palmzweig, Myrte, Weide und eine Zitrusfrucht. Das Fest ist ausdrücklich von Freude geprägt. 5. Mose 16,13–15 fordert Israel sogar mehrfach auf, sich zu freuen. Und diese Freude soll nicht privat bleiben: Auch Fremde, Witwen, Waisen und Menschen ohne eigenen Landbesitz sollen daran Anteil haben.
Erntedank bedeutet biblisch also mehr als: „Danke, Gott, dass ich genug habe.“ Gottes Gabe öffnet die Hand für andere.
Für messianische Juden bekommt Sukkot noch eine weitere Dimension. Jesus selbst feierte dieses Fest. Am letzten, großen Tag von Sukkot stand er im Tempel und rief, dass jeder, der Durst hat, zu ihm kommen und trinken soll. Johannes erklärt ausdrücklich, dass Jesus vom Heiligen Geist sprach (Johannes 7,37–39).
Mitten in einem Fest, bei dem Israel Gott für Wasser, Ernte und Versorgung dankte, spricht Jesus von einem Durst, den selbst eine reiche Ernte nicht stillen kann.
Und Sukkot weist noch weiter nach vorn. Sacharja 14,16 beschreibt eine kommende Zeit, in der Menschen aus den Nationen nach Jerusalem ziehen werden, um den König, den HERRN der Heerscharen, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern.
So verbindet Sukkot Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Gott hat versorgt. Gott versorgt. Und Gott wird bei seinem Volk wohnen.
Vielleicht ist das die tiefste Botschaft von Erntedank: Unsere Sicherheit liegt nicht in dem, was wir einbringen konnten, sondern in dem Gott, von dessen Hand wir leben.
4.10.2026 Autor: Frank Schulz
Wer ist der Vater?
Wie lernt man Gott den Vater kennen? Wir können ihn ja nicht beobachten wie einen Menschen. Wir können uns auch nicht einfach vorstellen, wie ein vollkommener Vater wohl sein müsste. Damit würden wir am Ende leicht einen Gott erschaffen, der unseren eigenen Vorstellungen entspricht. Wenn wir wissen wollen, wer der Vater wirklich ist, müssen wir ihn selbst reden lassen.
Schon Mose erlebt das. Er bittet Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen.“(2Mo 33,18) Und Gott antwortet erstaunlicherweise nicht zuerst mit einem sichtbaren Zeichen. Er nennt seinen Namen und beschreibt sein Wesen: barmherzig und gnädig, geduldig, reich an Güte und Treue und zugleich gerecht, heilig und nicht gleichgültig gegenüber Sünde.
Jahrhunderte später steht Jesus vor seinen Jüngern. Philippus sagt zu ihm: „Zeige uns den Vater.“ Vielleicht steckt darin genau unsere eigene Sehnsucht: Jesus kennen wir inzwischen ein wenig. Aber wie ist eigentlich der Vater?
Jesus bringt uns auf die richtige Spur: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). Wenn Jesus einen Aussätzigen berührt, sehen wir etwas vom Vater. Wenn er sich über Menschen erbarmt, die wie Schafe ohne Hirten sind, sehen wir etwas vom Vater. Wenn er Sünde beim Namen nennt und dem Sünder trotzdem die Tür offenhält, sehen wir etwas vom Vater.
Und schließlich sehen wir Jesus am Kreuz. Jesus erklärte zuvor schon: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh 3,16). Der Sohn kam, weil der Vater liebt.
Der Gott, dessen Heiligkeit und Handeln uns im Alten Testament uns auf den ersten Blick erschrecken könnte, ist also derselbe Gott, der den verlorenen Menschen sucht. Der Gott, vor dem niemand seine Schuld verbergen kann, ist derselbe, der Vergebung geschaffen hat. Der Gott, der Himmel und Erde trägt, will von Menschen „Vater“ genannt werden.
Jesus macht den Vater nicht freundlicher. Er macht ihn sichtbarer.
Und wenn wir mit diesen Gedanken zurück in das Alte Testament gehen, beginnen wir plötzlich, ihn überall wiederzuerkennen: den Gott, der Adam sucht, Abraham ruft, Israel trägt, Mose seine Herrlichkeit zeigt, David vergibt, die Propheten sendet und seinem untreuen Volk immer wieder zuruft: Kehrt zu mir zurück.
27.09.2026 Autor Frank Schulz
URLAUB – JENSEITS DER SAISON
Manchmal ist es erholsamer, nicht in der Hauptsaison in Urlaub zu fahren. Wenn man kann. Eltern mit Schulkindern können das nicht (jedenfalls nicht legal). Lehrer und Lehrerinnen auch nicht. Wenn wir jetzt Richtung Griechenland unterwegs sind, denke ich: Gott sei Dank, wir können das. In der Hauptsaison ist es an vielen Orten zu heiß, zu voll, zu teuer.
Auch bei uns an der Ostsee merke ich: Es wird grundsätzlich leerer. An manchen Orten ist es nicht mehr so stressig, einen Parkplatz zu finden. Aber es gibt auch die „Jenseits-der-Saison-Urlauber“: Der Besuch von Gästen in unserer Kirche, auch gerade von kulturell Interessierten, ist eher höher. Wer nicht unbedingt Badeurlaub machen will, sondern pilgern, wandern oder Rad fahren, hat jetzt oft die besseren Bedingungen.
Zumindest in der Masse ist Urlaub ein relativ neues Phänomen. Früher reisten Menschen meistens, weil sie einen Grund dafür hatten. Sie machten Geschäfte, besuchten Verwandte – oder sie taten es auch als Missionare. Es war ja auch viel mühevoller. Im Regelfall musste man laufen. Reiche Leute hatten ein Reit- und/oder Lasttier. Ja, und zur Zeit von Paulus gab es im römischen Reich Schiffe, die regelmäßig fuhren, je nach Wetterlage. Aber es waren Segelschiffe, viel kleiner und natürlich waren die Menschen, die das machten, der Natur viel unmittelbarer ausgesetzt. Paulus erzählt in seinen Briefen, vor allem im zweiten Korintherbrief, immer wieder von den Mühen dieser Reisen. Die Apostelgeschichte erzählt am Ende von seinem Schiffbruch auf Malta auf seiner vermutlich letzten Reise nach Rom.
Und Jesus? Der sah sich mit seinem engsten Kreis zum Wanderprediger berufen. Urlaub im heutigen Sinn kannte er sicher nicht. Aber wichtig waren ihm Auszeiten im Alltag, um mit seinem himmlischen Vater im Gebet allein zu sein. Das gestand er auch seinen Jüngern zu: „Ruht ein wenig!“ (Markus 6,31). So wie Gott, unser Schöpfer, der am siebten Tag ruhte und von seinem ersterwählten Volk das Halten des Sabbats erwartete (1.Mose / Genesis 2,2.3). Manchmal müssen unsere Urlaubszeiten als „beste Zeit im Jahr“ eine viel zu große Last tragen und es kommt erst recht zu Stress und Streit. Um so wichtiger sind die regelmäßigen (geistlichen) Auszeiten für Christen im Alltag.
20.09.2026 Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg
Der Gott, der in uns wohnt
Vielleicht ist uns der Heilige Geist manchmal weniger gegenwärtig als der Vater oder Jesus Christus. Wir beten zum Vater. Wir denken an Jesus, an sein Kreuz, seine Auferstehung, seine Worte. Und der Heilige Geist? Schnell wird er zu dem, der uns Kraft gibt, uns führt oder tröstet.
Doch die Bibel spricht größer von ihm.
Als Ananias die Gemeinde belügt, sagt Petrus: „Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen…“ Gleich danach erklärt er: „Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.“ (Apg 5,3–4). Der Heilige Geist ist nicht Gottes Energie, nicht ein Teil seiner Kraft, nicht etwas, das von Gott ausgeht und von ihm getrennt werden könnte.
Er ist Gott.
Psalm 95 berichtet davon, wie JHWH (Jahwe, der Name Gottes) zu seinem Volk spricht. Der Hebräerbrief zitiert diese Worte mit der Einleitung: „Darum, wie der Heilige Geist spricht: …“ (Hebr 3,7). Was im Alten Testament JHWH sagt, wird im Neuen Testament dem Heiligen Geist zugeschrieben.
Und doch ist der Geist nicht der Vater und nicht der Sohn. Bei der Taufe Jesu steht der Sohn im Jordan, der Geist kommt auf ihn herab und die Stimme des Vaters spricht aus dem Himmel (Mt 3,16–17). Drei voneinander unterschiedene Personen – und doch nur ein Gott. Darum tauft Jesus seine Jünger auch auf den einen „Namen“ – griechisch onoma, Singular, „des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Aber vielleicht wird die Wahrheit über den Heiligen Geist an einer anderen Stelle noch persönlicher.
Paulus schreibt den Christen in Korinth:
„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist…“ (1Kor 6,19).
Ein Tempel.
Israel wusste, was dieses Wort bedeutete. Als die Herrlichkeit JHWHs den Tempel Salomos erfüllte, konnten die Priester ihren Dienst nicht fortsetzen (1Kön 8,10–11). Gottes Gegenwart war nichts Gewöhnliches. Sie war heilig, überwältigend, ehrfurchtgebietend.
Und nun sagt Paulus zu einem Menschen, der zu Christus gehört:
Dieser Gott wohnt in dir.
Nicht bildlich im Sinne einer schönen religiösen Vorstellung, sondern ganz praktisch. Gottes Geist hat Wohnung genommen. Paulus kann deshalb auch sagen: „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.“ (Röm 8,9). Vielleicht verändert das unseren Blick auf den Heiligen Geist. Er ist nicht der unscheinbare Dritte der Dreieinigkeit. Er spricht. Er will. Er führt. Er kann betrübt werden. Er schenkt neues Leben. Und durch ihn ist der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, seinem Kind näher, als wir es aus eigener Kraft jemals hätten erreichen können. Das ist eines der kaum fassbaren Wunder des Evangeliums:
JHWH bleibt der heilige Gott – und macht doch den Menschen, den er erlöst hat, zu seiner Wohnung.
13.09.2026 Autor: Frank Schulz