Geistliche Impulse
DAS (GEMEINDE)LEBEN IST EINE BAUSTELLE
Stellt euch Gemeinde mal vor wie … zum Beispiel eine Baustelle – schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Vielleicht sind auch andere Bilder und Vorstellungen besser, vielleicht das von etwas, das mehr lebendiger Organismus ist wie ein Ackerfeld (1. Korinther 3, 5-9). Da wird gepflanzt, gegossen und hoffentlich irgendwann auch geerntet. Oder vielleicht doch wie ein Bau: Habe ich nicht mal den Grund gelegt, indem ich euch von meinem Glauben an Jesus erzählt habe und bei einem kleinen wachsenden Kreis geblieben bin, bis ich diese Arbeit auch woanders tun konnte? Damit eure Gemeinde weiter wächst, Mensch um Mensch, im Bild: Stein um Stein. Kein glatter Betonbau, eher wie eine alte Feldsteinkirche. Gebaut aus dem Material, das eben so da ist.
Aber – und das fällt Paulus ein, als er schreibt: Das Bild vom Bau hat auch eine schwierige Seite: So wie ein Bau nur wachsen kann, wenn ein gutes Fundament gelegt worden ist, so ist es auch mit dem Bau einer Gemeinde: Dieses solide Fundament habe nicht ich gelegt – es ist bereits gelegt, durch Jesus Christus selbst (1. Korinther 3,11).
Das Bild vom Bau kann heute vielleicht eher Stöhnen auslösen. Bei uns in Deutschland und Europa werden die Menschen deutlich weniger, die bereit sind an ihrer Kirchenmitgliedschaft festzuhalten. Zugleich leben wir mit einem sehr hohen Gebäudebestand. Eine „steinreiche Kirche“. Viele Gebäude sind sanierungsbedürftig. Manche sind auch viel zu groß für die eher wenigen Menschen, die sie noch nutzen. Es ist klar, dass wir sie nicht alle oder nicht alle in ihrer bisherigen Nutzung behalten. Wenn es aber „meine“ Kirche trifft, an der mein Herz hängt, in der ich vielleicht konfirmiert wurde oder geheiratet habe, dann ist der Schmerz groß.
Die Gemeinden, an die Paulus schreibt, hatten dieses Problem nicht. Sie hatten damals noch gar kein eigenes Kirchengebäude. Sie trafen sich im Haus eines wohlhabenderen Gemeindeglieds (wahrscheinlich. Sie hatten eher das Problem, mit unterschiedlichen Begabungen und Ansichten und Prägungen umzugehen. Die gibt es auch bei uns – obendrauf. Paulus hat nicht ein für allemal eine Patentlösung. Aber er verweist auf den Glauben an Jesus Christus als das entscheidende Fundament. Dieser gemeinsame Glaube ist Grundlage dafür, dass wir auch in Herausforderungen gemeinsam als Kirche unterwegs bleiben.
Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg in Holstein
Auch in den Details spricht Gott
Wer das erste Buch der Könige liest, kann zum Beispiel bei Kapitel 7 leicht ins Stocken geraten. Nachdem von Salomo, seiner Weisheit und dem Bau des Tempels berichtet wurde, folgen plötzlich ausführliche Beschreibungen von Säulen, Kapitellen, Granatäpfeln, Kesseln, Gestellen und bronzenen Geräten. Dazu tritt ein Mann namens Hiram, ein Kunsthandwerker aus Tyrus, dessen Arbeiten erstaunlich genau beschrieben werden.
Warum steht das alles in der Bibel?
Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige Lektion: Die Bibel erzählt Gottes Geschichte nicht nur in großen Wundern, mächtigen Worten und dramatischen Begegnungen. Manchmal erzählt sie von einem Handwerker, der Bronze gießt.
Über Hiram heißt es, dass er „voll Weisheit, Einsicht und Erkenntnis“ war, um alle Arbeiten in Bronze auszuführen (1Kön 7,14). Diese Formulierung erinnert auffallend an Bezalel, den Gott für den Bau der Stiftshütte mit Weisheit, Einsicht und Erkenntnis ausgerüstet hatte (2Mo 31,1–5). Was damals für das Zeltheiligtum geschah, geschieht nun in größerer Pracht beim Tempel.
Hiram stellt also nicht einfach schöne Gegenstände her. Er arbeitet an dem Haus, das für die Gegenwart Gottes bereitet wird. Säulen werden aufgerichtet. Das große bronzene Meer wird gegossen. Waschbecken und Geräte entstehen. Stück für Stück wird alles vorbereitet. Und dann kommt der Höhepunkt: Die Bundeslade wird hineingebracht, und „die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN“ (1Kön 8,11). Plötzlich bekommen die vielen Einzelheiten ein Ziel.
Der Text führt uns gewissermaßen durch die Werkstatt, bevor er uns in das erfüllte Heiligtum treten lässt
Das erste Buch der Könige erzählt also weit mehr als die Geschichte einiger Könige. Es erzählt von Gottes Treue und menschlicher Untreue, von Segen und Gericht, von Herrlichkeit und Verfall. Selbst die scheinbar technischen Bauabschnitte gehören zu dieser Geschichte. Aber es geht noch weiter.
Der prachtvolle Tempel Salomos war nicht Gottes letztes Wort. Jesus sagte über seinen eigenen Leib: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten“ (Joh 2,19–21). Und er sagte von sich selbst: „Hier ist Größeres als der Tempel“ (Mt 12,6). Das verändert auch unseren Blick auf 1. Könige.
Wenn wir von Hirams Säulen, dem bronzenen Meer und all den kunstvoll gefertigten Geräten lesen, sehen wir etwas von der gewaltigen Bedeutung des Tempels. Dort sollte Gott mitten unter seinem Volk wohnen. Und gerade die Größe und Schönheit dieses Hauses hilft uns zu begreifen, wie gewaltig die Aussage des Neuen Testaments ist: In Jesus ist Gott selbst zu uns gekommen.
Darum lohnt es sich, auch die Kapitel zu lesen, bei denen man zunächst versucht ist, schneller weiterzublättern. Das Buch der Könige ist spannend, weil wir beobachten können, wie Gottes Geschichte sich entfaltet, manchmal im Thronsaal, manchmal auf dem Schlachtfeld und manchmal in der Werkstatt eines Bronzegießers. Kein Teil davon ist bedeutungsloses Füllmaterial.
Auch dort, wo Hiram Metall schmilzt, Formen herstellt und Säulen aufrichtet, erzählt die Schrift von dem Gott, der unter Menschen wohnen will. Und wer weiterliest, wird entdecken: Diese Geschichte führt schließlich zu dem, der größer ist als Salomo, größer als der Tempel und größer als all seine Herrlichkeit – zu Jesus Christus.
16.08.2026 Autor: Frank Schulz
ISRAEL, UM GOTTES WILLEN, ISRAEL
Alle Jahre wieder – mitten im Sommer – feiert die evangelische Kirche den „Israelsonntag“. Warum gerade jetzt? Lange Zeit hat man an die Zerstörung des Tempels nach dem jüdischen Krieg durch die Römer gedacht – so ein wenig mit dem Zeigefinger: Seht mal – so kommt es, wenn man sich dem Glauben an den Messias verweigert! Wer nicht hören will, muss fühlen!
Dieser Unterton ist den Christen fremd geworden – nicht zuletzt durch die Katastrophe der Vernichtung von Millionen Menschen im „Dritten Reich“. Sie hat uns noch einmal dazu gebracht, genauer in der Bibel nachzulesen. Jesus hat sich mit einigen Vertretern seines (!) jüdischen Glaubens massiv gestritten – gestritten wurde gerade im Judentum über die Auslegung der Schrift und des Willens Gottes immer viel und gerade zur Zeit Jesu. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: „Drei Juden, vier Meinungen“. Kurz bevor er in den Tod ging, hat Jesus vor allem darüber geklagt, dass Jerusalem ihn nicht erkennt und seiner Zerstörung entgegen geht (Lukas 19, 41-44). Er hat sich in der Tradition vieler Propheten vor ihm gesehen, die in Jerusalem ein gewaltsames Ende gefunden haben (Lukas 13, 34.35).
Ähnlich ist es bei Paulus. Es wird in der Bibel davon berichtet, dass er immer wieder in Streit mit jüdischen Gemeinden kam, die den Glauben an Jesus ablehnten. Aber er hat sich nie von seinen jüdischen Wurzeln losgesagt. Und deshalb hat er die Christen aus den vielen anderen Völkern auch immer wieder vor Überheblichkeit Gottes ersterwähltem Volk gewarnt. Es ist immer wieder lohnend, in seinem Brief an die Gemeinde in Rom die Kapitel 9 bis 11 zu lesen, besonders die ersten und die letzten Verse (Römer 9, 1-5; 11, 25-36).
Es ist ein schwieriges Thema. Christen haben ihre Wurzeln im Glauben und der Erwählung des Volkes Israel wieder entdeckt – Gott sei Dank! Zugleich sind wir in der weltweiten Gemeinschaft der Christen auch mit den arabischen Christen verbunden. Viele sehen vor Ort keine Perspektive mehr. Wir können am Ende nur klagen und uns in der komplexen Lage Gott anvertrauen. So wie Jesus und Paulus hat der jüdische Schriftsteller Ralph Giordano eine seiner Schriften mit einem Stoßseufzer eingeleitet: Israel, um Gottes willen, Israel! Und in seinem Stoßseufzer liegt wie in dem von Paulus ein letztes Vertrauen in Gott da, wo wir mit unserem begrenzten Blick keine Lösung sehen: „Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege…Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (Römer 11, 33.36)
9.08.2026 Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg
Ausgerechnet das Kreuz?
1. Korinther 2,1–2.5: „Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten […] damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit beruhe, sondern auf Gottes Kraft.“
Mitten in der griechischen Welt der Philosophen, Redner und Wissenschaftler predigte Paulus den Menschen in Korinth den gekreuzigten Jesus. Wusste er denn nicht, dass das Kreuz kaum als eingängige Einladung zum christlichen Glauben dienen konnte?
Wer weiß, wozu die Römer ihre Kreuze verwendeten, kann sich kaum ein abstoßenderes und erklärungsbedürftigeres Symbol vorstellen. Das Kreuz stand für Schande, Qual und Tod. Es diente nicht nur der Hinrichtung, sondern auch der öffentlichen Demütigung und Abschreckung.
Paulus war sich dessen sehr wohl bewusst. Für viele Griechen erschien die Botschaft vom Kreuz töricht. Für viele Juden war sie ein Ärgernis. Denn ein gekreuzigter Messias passte nicht zu ihren Erwartungen. Außerdem galt nach dem Gesetz des Mose jeder, der am Holz hing, als verflucht.
Weshalb also ausgerechnet das Kreuz?
Weil Jesus Christus aus diesem Zeichen des Todes ein Zeichen der Hoffnung, des Lebens und der Erlösung gemacht hat. Nicht das Holz selbst besitzt eine rettende Kraft. Entscheidend ist, wer dort hing und was er dort vollbrachte.
Jesus wurde für uns zum Fluch, damit Menschen, die an ihn glauben, von dem Fluch der Sünde befreit werden. Er trug unsere Schuld und das Gericht, das wir verdient hatten. An ihm wurde sichtbar, wie ernst Gott die Sünde nimmt – und wie weit seine Liebe zu verlorenen Menschen geht.
Als Jesus sagte: „Es ist vollbracht“, war das keine letzte Klage eines Gescheiterten. Das Werk, für das er gekommen war, war vollendet. Der Weg zur Versöhnung mit Gott war geöffnet. Und indem Gott der Vater Jesus von den Toten auferweckte, bestätigte er, dass der Tod nicht das letzte Wort behalten würde.
Deshalb wollte Paulus in Korinth vor allem Jesus Christus, den Gekreuzigten, verkündigen. Er verzichtete darauf, die Menschen mit eindrucksvoller Redekunst und menschlicher Weisheit zu gewinnen. Ihr Glaube sollte nicht an Paulus hängen, sondern auf Gottes Kraft beruhen. Denn kein kluger Gedanke, keine religiöse Leistung und keine menschliche Überzeugungskraft kann uns mit Gott versöhnen. Das konnte nur Gott selbst tun.
Das Kreuz beschönigt weder Leid noch Tod. Es erinnert daran, wohin die Trennung von Gott führt und welchen Preis unsere Erlösung gekostet hat. Zugleich bezeugt es, dass Gott diesen Preis selbst getragen hat.
Ausgerechnet das Kreuz wurde so zum Mittelpunkt der christlichen Botschaft: Dort begegnen sich Gottes Gerechtigkeit und seine Liebe. Dort wird unsere Schuld nicht verharmlost, sondern von Jesus getragen und gesühnt. Dort vollbrachte er die Erlösung, ohne die kein Mensch mit Gott versöhnt werden könnte.
Das Kreuz ist deshalb nicht eines von vielen bedeutenden Zeichen der Weltgeschichte. Es steht für das entscheidende Rettungswerk Gottes. Der Sohn Gottes gab sich selbst für verlorene Menschen hin, trug ihr Gericht und öffnete ihnen den Weg zum ewigen Leben.
Größeres ist in der Geschichte dieser Welt nicht geschehen.
2.08.2026 Autor: Frank Schulz