Geistliche Impulse
ZWISCHENLAND
Mit dem Leiden und Sterben von Jesus tun sich viele Menschen schwer. Das ist z. B. auch Paulus vor seiner Bekehrung so gegangen (vgl. Galater 3,13; 5. Mose 21,23): Er sah in Jesus einen Gescheiterten und nach dem Gesetz Verfluchten. Auch in der Welt um das Mittelmeer, in der er predigte, sah man die Verkündigung eines Gekreuzigten (eines Menschen, der die Strafe für Aufrührer oder entlaufene Sklaven erlitten hat) extrem kritisch (1. Korinther 1,18). Er hat etwas gesehen, was unsere Augen oft nicht mehr sehen konnten, weil diese schändliche Strafe zu einem Teil unseres Kulturguts geworden ist. Das ändert sich gerade massiv. Ein unkirchlich aufgewachsenes soll bei einer Kirchenbesichtigung gefragt haben: „Wer ist der Mann, der da vorne angelötet ist?“
Und dennoch ist es wichtig, das Fremd gewordene im Blick zu behalten. Gerade als Hintergrund von Ostern. Das christliche Osterfest ist gerade nicht zuerst ein fröhliches Frühlingsfest und so berechenbar, als wenn ich eine Pflanzenzwiebel in den Boden stecke und eine Frühlingsblume daraus wächst. Die ersten Zeuginnen und Zeugen waren grundsätzlich tief verstört und haben mit ihren Ostererfahrungen nicht gerechnet. Die Frauen haben mutig unter dem Kreuz ausgehalten. Aber zunächst wollten sie dem geliebten Freund und Meister ein würdiges Begräbnis gestalten (Markus 16, 1-8; Johannes 20, 11-18). Die Männer waren ängstlich oder ernüchtert in ihren Alltag geflüchtet, Petrus etwa in sein Fischerboot, von dem aus ihn einst in die Nachfolge gerufen hatte (Lukas 24, 36-49; Johannes 21, 1-14). Für Petrus ein notwendiger Zwischenschritt. In Alltag, Trauer und Reue begegnet ihm Jesus neu und gibt ihm einen neuen Auftrag.
Auch für uns ist der oft übersehene Karsamstag ein wichtiger Zwischenschritt. Zunächst passiert nichts. Aber erst vor diesem Hintergrund wird Ostern das unerwartete Neue. Gesegnete Ostern!
Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg
Seht die Vögel unter dem Himmel
Matth. 6,26 „26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie?“
2011 besuchte ich einen Gottesdienst in Tansania. Thema der Predigt waren die Verse aus Matthäus 6, in denen Jesus zum Vertrauen auf Gott aufruft, nicht nur im Blick auf geistliche Wahrheiten, sondern ganz praktisch: beim täglichen Brot, beim Trinken, beim Anziehen, beim Überleben.
Ich merkte: Mir fällt es oft leichter, Gott in geistlichen Dingen zu vertrauen. Dass seine Gebote gut sind, kann ich ohne große Mühe annehmen. Aber Jesus bleibt in Matthäus 6 nicht im Geistlichen stehen. Er spricht von ganz konkreter Versorgung. Und er lädt uns ein, ihm auch in diesem Bereich zu vertrauen mit unserem ganzen Leben.
In jenem Gottesdienst war ich umgeben von Christen, für die die Worte Jesu kein theoretischer Trost waren, sondern gelebte Hoffnung. Menschen, die am eigenen Leib wussten, was Mangel ist – und dennoch voller Freude Gott lobten, als wäre längst alles gut. Ich saß dazwischen, aus dem wohlhabenden Europa kommend, und fühlte mich beschämt. Ihr Vertrauen war tief, fröhlich, ansteckend, meins fühlte sich plötzlich arm und schwankend an.
Sollte es nicht umgekehrt sein? Sollte nicht ich, dem es an nichts fehlt, vor Freude über Gottes Fürsorge geradezu überquellen? Stattdessen merkte ich, wie sehr ich mich an Sicherheit gewöhnt hatte, so sehr, dass ich Gottes tägliche Versorgung kaum noch bewusst wahrnahm.
Die Begegnung mit diesen Geschwistern hat mich bis heute geprägt. Ich habe gelernt, dass Jesu Worte tragen, auch dann, wenn die Vorratskammer leer ist. Und ich habe gelernt, wie brüchig mein Vertrauen sein kann, wenn es nie geprüft wird.
Dieses fröhliche Vertrauen, das ich in Tansania sehen durfte, möchte ich mitnehmen, in meinen Alltag, in mein Gebet, in mein Reden über Gott. Vielleicht liegt darin gerade die Einladung Jesu: die Vögel zu betrachten, nicht, um naiv zu leben, sondern um zu lernen, dem Vater zu vertrauen, der weiß, was wir brauchen.
Wem wollen wir heute glauben? Unseren Sorgen oder dem, der auch die Vögel nicht vergisst?
29.03.2026 Autor: Frank Schulz
WO STEHE ICH ?
Am Wochenende wird bei uns in Oldenburg und in Burg auf Fehmarn die Johannespassion von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Sie ist neben der Matthäuspassion eine der beiden erhaltenen musikalischen Darstellungen der Geschichte vom Leiden und Sterben Christi des Leipziger Thomaskantors und ganz sicher eines der großen Werke der kirchenmusikalischen Literatur. Kirchenmusikalische Weltliteratur sozusagen. Und dennoch wollte Bach bei aller Hochschätzung musikalischer Qualität in erster Linie Jesus Christus (und zwar als den, der trotz des äußerlich schändlichen Kreuzestodes Herr ist, vgl. Paulus in 1 Kor 2,2) verkündigen.
Für die Chöre ist diese Passionsmusik ein großes Ereignis. Fast ein Jahr haben sie darauf hin gearbeitet. Und sie ist eine große Herausforderung. Nicht nur, weil die Stimmlage in allen Stimmen oft hoch ist und schnelle Läufe und Akkorde sehr anspruchsvoll sind. Anspruchsvoll sind vor allem die verschiedenen Rollen des Chores. In den Chorälen hat er die Rolle der betrachtenden und anbetenden Gemeinde. In den großen Chören am Anfang und Ende deutet er das Geschehen. Der große Eingangschor fasst eigentlich das ganze Evangelium nach Johannes zusammen: „Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist, zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der tiefsten Niedrigkeit verherrlicht worden bist.“ Und dann gibt es die Chöre, in denen der Chor das „Volk“ ist, dass immer aggressiver die Kreuzigung von Jesus fordert. Das fällt vielen nicht leicht, es mit dem nötigen Ausdruck von Aggression und teils Ironie zu singen.
Aber wie die Passionsgeschichten in den Evangelien zeigt auch die musikalische Bearbeitung: In ihr kommen ganz unterschiedliche Menschen vor. Sie verhalten sich gegenüber diesem Geschehen der Kreuzigung sehr unterschiedlich. Sie verhalten sich so, wie Menschen sich stets Jesus gegenüber verhalten haben. Für die einen zeigen gerade Prozess und Kreuzesstrafe: Jesus kann nicht der sein, der er zu sein beansprucht. Andere erkennen ihn aber gerade in der äußeren Niedrigkeit. Sie haben in Erzählung und musikalischer Gestaltung das Schlusswort: Der eine Soldat, der ihn unter dem Kreuz als Gottes Sohn erkennt (Markus 15,39). Der Lieblingsjünger, dem Jesus seine Mutter anvertraut (Johannes 19, 25-27). Überhaupt, die Frauen, die bis zuletzt mutig bei ihm bleiben (Johannes 19,25). Und Josef von Arimathää, der ihm ein würdiges Grab zur Verfügung stellt, wo doch sonst Gekreuzigte oft zur Abschreckung einfach am Kreuz hängen blieben (Johannes 19, 38-42). Sie alle stellen wie die Musik die Frage: Wo stehst du in dieser Geschichte ?
22.03.2026 Pastor i. R. Dr. Horst Simonsen, Oldenburg in Holstein
Christen und Hass
„Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Mörder…“ (1Joh 3,15)
Wenn ein Mensch und besonders ein Christ feststellt, dass in seinem Herzen Hass aufsteigt, kann ihn das zutiefst erschrecken. Besonders dann, wenn sich dieser Hass gegen eine Person richtet, zu der eigentlich eine enge Bindung bestehen sollte. Manche kommen in solchen Momenten zu dem Schluss: „Wenn ich so etwas in mir entdecke, kann ich kein Jesusnachfolger sein.“ Diesem Gedanken möchte ich nachgehen.
Zunächst muss man festhalten: Die Bibel nimmt Hass sehr ernst. Im ersten Johannesbrief heißt es: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Mörder…“ (1Joh 3,15a). Auch Jesus macht in der Bergpredigt deutlich, dass Hass im Herzen bereits in eine Richtung weist, die letztlich zur Zerstörung des anderen führt (Mt 5,21–22). Es ist deshalb verständlich, wenn ein Mensch erschrickt, sobald er solche Regungen in sich bemerkt. Die Schrift verharmlost diese Realität nicht.
Gleichzeitig ist es wichtig, den Zusammenhang solcher Aussagen genau zu beachten. Der erste Johannesbrief beschreibt nicht einfach jeden einzelnen inneren Kampf, sondern eine grundlegende Lebenshaltung. Johannes stellt zwei Lebensweisen gegenüber: ein Leben im Licht und ein Leben im Hass. Wenn er vom Hass spricht, meint er nicht nur ein erschreckendes Gefühl, das ein Mensch an sich entdeckt, sondern eine Haltung, in der jemand bewusst lebt und die er festhält. Darum sagt Johannes auch: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind; denn wir lieben die Brüder.“ (1Joh 3,14). Es geht also um das grundlegende Gepräge eines Lebens, nicht um eine einzelne Regung des Herzens.
Die Bibel zeigt außerdem sehr offen, dass selbst Menschen, die zu Gott gehören, innere Kämpfe erleben können. Der Apostel Paulus beschreibt im Römerbrief einen tiefen Konflikt: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm 7,19). Entscheidend ist dabei, dass Paulus sich nicht mit der Sünde identifiziert. Er rechtfertigt sie nicht und lebt nicht bewusst in ihr. Vielmehr leidet er darunter und ruft nach Erlösung.
Hier liegt ein wichtiger Unterschied, den die Bibel deutlich macht. Es gibt ein Herz, das Hass bewusst festhält und ihn rechtfertigt. Das wäre tatsächlich ein besorgniserregendes Zeichen geistlicher Verhärtung. Es gibt aber auch ein Herz, das erschrickt, wenn es merkt, wie solche Regungen aufsteigen. Ein solcher Mensch erkennt diese Gefühle als etwas, das nicht bleiben darf. Gerade dieses Erschrecken zeigt, dass das Gewissen noch wach ist.
Der erste Johannesbrief rechnet ausdrücklich damit, dass auch Christen Sünde erkennen und bekennen müssen. „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ (1Joh 1,8–9). Christsein bedeutet also nicht, dass ein Mensch niemals mehr mit sündigen Regungen konfrontiert wird. Es bedeutet vielmehr, dass er sie vor Gott bringt und sich von ihm reinigen lässt.
Am Ende entscheidet sich die Frage nach der Nachfolge Jesu nicht an der Intensität einzelner Gefühle, sondern an der Beziehung zu Christus. Die Grundlage des Heils ist nicht moralische Perfektion oder emotionale Stabilität, sondern der Glaube an den Sohn Gottes. Jesus sagt: „…und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“ (Joh 6,37b). Christen werden deshalb nicht daran erkannt, dass sie niemals mit dunklen Regungen ringen, sondern daran, dass sie ihre Sünde erkennen, sie vor Christus bringen und sich immer wieder neu ihm zuwenden.
15.03.2026 Autor: Frank Schulz